Odins Krankentagebuch
Freitag, 1.02.08, morgens gegen 9 Uhr.
Wir haben an dem morgen unseren Spaziergang etwas später gemacht, weil ich nicht zur Arbeit musste. Wie immer wollte ich mit den Hunden eine große Runde gehen, damit sie ihre Geschäfte erledigen können. Alles war, wie gewohnt. Nicht die geringsten Anzeichen auf irgendetwas Ungewöhnliches.
Nach ca. 300 m blieb Odin stehen und wollte nicht mehr weiter. Auch ein „Weiter“ brachte ihn nicht dazu den Spaziergang fortzusetzen. Im nächsten Augenblick knickten Odins Hinterläufe weg, er schaute mich fragend an. Dann fiel er ganz um. Ich bekam einen fürchterlichen Schreck und für ein zwei Sekunden wusste ich nicht, was ich machen soll. Dann krampfte Odin auch schon. Jetzt brauchte ich dringend Hilfe. Der Mann, der auf der anderen Straßenseite an einem Gerüst arbeitete, schaute zu mir und ich habe halb hysterisch ihm zugerufen, er soll mir doch eben schnell helfen. Er kam sofort und ich habe ihm die zwei kleinen Hunde in die Hand gedrückt. Endlich hatte ich die Hände frei für Odin. Als erstes mussten Körper und Kopf frei und auf einer Ebene liegen.
Der Mann erzählte mir von seinem alten herzkranken Hund, der regelmäßig umfällt. Ich habe Odin gestreichelt und ruhig auf ihn eingeredet, damit er spürt, dass ich bei ihm bin. Er krampfte tonisch- klonisch, hatte schaumigen Schleim vor dem Maul und hat uriniert.
Nach ca. 1 Minute….der längsten meines Lebens….kam Odin wieder zu sich. Er hat mich fragen angesehen, so als wollte er sagen, was ist mit mir geschehen. Danach ist er aufgestanden und ich habe ihn in die Arme genommen und gekuschelt. Nachdem ich mich bei dem Mann für seine Hilfe bedankt habe, sind wir nach Hause gegangen. Odin war nichts mehr anzumerken. Er hat gefressen und getrunken und wollte Aufmerksamkeit.
Nachmittag hatten wir einen Termin beim Tierarzt. Dort wurde Odin untersucht, doch die Tierärztin konnte nichts Auffälliges feststellen. Wir haben den Laborbericht vorgelegt ( Rekettien positiv. Aber auch das war für die Tierärztin kein Grund eine Blutuntersuchung zu machen. Sie wollte uns nach Hause schicken. Zum Glück hatte KY noch einige Fragen, sodass wir noch eine ganze Zeit im Sprechzimmer waren. Dadurch bekam Odin seinen zweiten epileptischen Anfall in der Tierarztpraxis. Nun war auch die Ärztin bereit Odin zu behandeln. Blut wurde abgenommen und nach der Auswertung wurde Odin an den Tropf gehangen. Wir waren natürlich die ganze Zeit bei ihm und haben mit ihm gesprochen und ihn gekuschelt.
Die weißen Blutkörperchen waren zu hoch (Leuko :23,23 x10^9/l , Diff: Neutro 13,6 x10^9/l ,
Mono 3,4 x10^9/l )
Die Tierärztin hat ihm daraufhin Doxycyclin Mono 400mg p.o.,3x2 Pirimidon p.o. verordnet.
Nach über 4 Stunden, 19.30 Uhr, waren wir endlich wieder zu Hause.
Odin hat sich sofort in sein Zimmer gelegt und hat geschlafen.
Ich habe ihn nicht aus den Augen gelassen. Schon 20.45 Uhr bekam er einen weiteren epileptischen Anfall. Nach sofortiger Rücksprache mit der Ärztin sollten wir nun die Dosis auf 3 x 750mg Primidon herauf setzen. In der Nacht bekam Odin noch zwei Anfälle (22.45 und 3.20 Uhr). An Schlaf war gar nicht zu denken. MÜC, Maus und ich haben auf jedes Geräusch geachtet.
Der arme Odin tat uns so leid. Er hat doch in Ungarn schon genug ertragen müssen.
Am Samstag sollten wir mittags in der Praxis sein.
Odin war durch die Anfälle und das Antiepileptikum total benommen. Er konnte sich nicht orientieren.
Es wurde ihm wieder Blut abgenommen und er hat eine Infusion bekommen. Uns wurde nahe gelegt zu gehen. So ruhig ich konnte habe ich der Ärztin erklärt, dass ich meinen Hund nicht alleine lasse.
Die Blutwerte waren noch schlechter geworden (Leuko:34,72x10^9/l , Diff: Neutro 23,05, Mono 3,79, Lymp 6,79 )
Am späten Nachmittag waren wir wieder zu Hause und Odin ist sofort in seinem Zimmer eingeschlafen.
Nur kurz zum Fressen und Trinken und für eine kleine Pieselrunde ist Odin aufgestanden
In dieser Nacht hat KY mit mir gewacht. Da an Schlaf nicht zu denken war, haben wir uns weiter über Epilepsie, Ehrlichiose und Meningitis informiert. Natürlich auch über die Medikamente, die dafür verabreicht werden. Nebenbei haben wir die Beipackzettel studiert. Dabei sind wir auf Unverträglichkeiten, falsche Dosierung und nicht gut wirksame Medikamente gestoßen.
Darüber wollte KY am Sonntag mit der Ärztin sprechen.
Morgens war Odin absolut orientierungslos und total benommen, aber er hatte keinen Anfall.
In der Praxis waren wir dann auch recht schnell beim Thema. Leider war die Ärztin noch nicht einmal bereit, sich mit unsren Bedenken ernsthaft auseinander zu setzen. Sie beharrte auf der Richtigkeit ihrer Behandlung.
Auch heute wurde uns wieder nahe gelegt Odin da zu lassen und zu gehen. Diesmal habe ich eindringlich darauf hingewiesen, dass ich bei meinem Hund bleibe. Odin bekam noch mal eine Infusion und seine Injektion, dann sind wir gegangen.
Nach einem kurzen Spaziergang hat sich Odin wieder in sein Zimmer gelegt und geschlafen.
KY war davon überzeugt, dass Odin die falschen Medikamente bekommt und hat deshalb an Unikliniken und Biologische Institute gemailt.
Montag sollten wir wieder in die Praxis kommen.
Odin stand unter der Einwirkung des Primidon, war Anfallsfrei und war für kurze Zeit sogar schon zu einem kleinen Spiel mit seinem „Hühnchen“ zu bewegen.
Die Ärztin hat sich Odin angeschaut, noch einmal Blut abgenommen, er hat seine Injektion bekommen und das Primidon sollte auf 3 x 500mg herabgesetzt werden.
Nachmittags hat KY dann eine Antwort auf seine Mail bekommen.
Anfrage:
Pharmakologische Fragestellung:
Primidon als Enzyminduktor verringert den Doxycyclin-Plasmaspiegel durch erhöhten Abbau. Als bakteriostatisches Tetracyclin mit schlechter Liquorgängigkeit, obgleich Mittel der ersten Wahl bei einer angenommenen Rickettsien-Infektion, erscheint diese Therapie per se als eher problematisch. Die Zugabe des zum Doxycyclin antagonistisch wirkenden Enrofloxacins könnte dessen Wirkung noch weiter beeinträchtigen. (Imidocarb?)
Problematisch an dieser Stelle erscheint mir, daß der spekulative Benefit des Doxycyclins nachhaltig beeinträchtigt wird, die Symptomatik - nämlich die epileptiformen Anfälle - jedoch durch die Pirimidongabe zunächst verschleiert wird.
Wäre hier nicht eine Dosisanpassung indiziert? ( Leberwerte befinden sich innerhalb der Norm, Crea hochnormal, Urea grenzwertig erhöht )
Primidon erfordert in der Leber als Prodrug des Phenobarbitals einen weiteren Metabolisierungsschritt,
wäre zu deren Schonung Phenobarbital deshalb nicht geeigneter?
Wie ist die Gabe des Enrofloxacins einzuschätzen? Relative KI wie Anfallsleiden und Wachstum bei Riesenrasen bis 18 Mo. und antagonistische Wirkung zum Doxycyclin vs. breiteres Erregerspektrum und spekulativer Benefit im klinischen Erscheinungsbild des Hundes .
Wie eingangs gesagt, wäre ich Ihnen über eine Hilfestellung überaus dankbar!
Hochachtungsvoll
Sehr geehrter Herr K ,
bezugnehmend auf Ihre Anfrage würden wir folgendes empfehlen:
1. Enrofloxacin sofort absetzen, da es bei Epilepsie kontraindiziert ist und sogar Anfälle auslösen kann, wenn es sich um ein zentrales Anfallsleiden handelt..
2. Einstellung lieber mit Luminal, Primidon bitte nicht mehr verwenden.
3. Statt Enrofloxacin lieber Synulox (Amoxicillin + Clavulansäure) verwenden.
Unter Umständen ist die Epilepsie auch hormonell bedingt. Unkastrierte Rüden haben schon mal epileptiforme Anfälle, wenn läufige Hündinnen in der Nachbarschaft sind. Man könnte versuchen, das z.B. mit Tardastrex in den Griff zu bekommen. Wenn das funktioniert, sollte man langfristig doch eher an Kastration denken.
Es wäre schön, wenn Sie mich auf dem Laufenden halten könnten.
Hoffentlich hilft das ein bisschen weiter,
Gruß
FU XXXX
XXXXXXX
Nun hatten wir eine Aussage von Fachleuten, aber keinen Tierarzt, der bereit war vernünftig zu therapieren.
Durch eine Freundin von KY erfuhren wir von einer Spezialistin in Hamburg, die sogar eine Abhandlung über Erlichia canis geschrieben hat.
Gleich am Mittwoch haben wir bei ihr angerufen und sofort für Donnerstag einen Termin bekommen.
Wir haben den Mittwoch genutzt um alles, was bis dahin geschehen ist, genauestens aufzuschreiben. Jede noch so kleine Kleinigkeit kann bei so einem Krankheitsbild wichtig sein.
Die Ärztin war dankbar für unsere Unterlagen und hat sie auch erst mal zur Einsicht behalten.
Sie hat viele Fragen gestellt, hat sich alles noch einmal berichten lassen und dann mit uns die Vorgehensweise besprochen.
Das Enrofloxacin sofort absetzen!
Doycyclin Mono durch Doxyhyclat ersetzen. Es ist bei Hunden wirksamer (hatten wir ja auch schon herausgefunden).
Auch das Primidon hätte sie nicht verordnet, statt dessen das Phenobarbital.
Dann hat sie Odin wirklich gründlich untersucht.
Lunge, Herz, Lympfknoten, Zähne, Schleimhäute, Hals, Rachen, Ohren, Augen, Bauch, Hoden, Penis, Puls, Gelenke und der Gesamteindruck. Gewogen wurde Odin vorher.
Hier gab es nichts Auffälliges.
Anschließend wurde ein EKG gemacht…..auch hier war alles in Ordnung.
Bis hierhin war Odin super lieb.
Sonographie…..alles in Ordnung…..
Das Fell am Bauch rasieren war okay, auf den Tisch von vier Menschen gehoben werden auch noch, aber auch noch mit so einem Ding in den Bauch drücken, fand Odin dann doch nervig. Er ließ sich aber schnell wieder beruhigen. Ab und an hat er meinem Arm gefasst, ich konnte ihn jedoch überreden los zu lassen.
Die Milzpunktion haben wir gelassen, dazu hatte Odin keine Lust. Da er durch die Medikamente nicht nüchtern war, hätte dieses Ergebnis sowieso keine große Aussagekraft.
Dann Röntgen…..Herz ist in Ordnung. Allerdings gibt es an der Wirbelsäule eine Auffälligkeit, um genaues sagen zu können muss aber eine neue Aufnahme gemacht werden.
Anschließend wurde Blut abgenommen für Blutbild Vet ABC, Blutchemie Comprehensive Profile 8133, Anaplasma phagocytophilium (IFAT), Blutgerinnung aPTT, Ehrlichia canis (IFAT), Neosporose (IFAT), Toxoplsmose Antikörperbestimmung, Blutgerinnung (PT, Quick), PCR B henselae + B. quitana.
Blutdruckmessung……alles in Ordnung.
Harn mit der Kelle auffangen für Harnuntersuchung und Mikroskopische Untersuchung (nativ) des Harnsediments.
Die Laborergebnisse bekommen wir nächste Woche.
Unser „Großer“ war ein geduldiger und super lieber Patient.
Die Ärztin hat sich große Sorgen um die Müdigkeit von Odin gemacht. Er hat eindeutig zu viel Primidon verordnet bekommen. Deshalb haben wir auf ihre Anweisung hin die Abend- und Morgendosis weggelassen.
Abends hat die Ärztin uns noch einmal angerufen und die Blutwerte durchgegeben, die in Ihrem Labor getestet wurden Leuko und Lymp sind runter gegangen, Eos sind noch viel zu hoch.
Harn ist in Ordnung.
Heute haben wir wieder zusammen telefoniert. Ich habe über Odins Befinden berichtet. Die Ärztin hat entschieden Odin auf Phenobarbitol umzustellen.
Für den Notfall haben wir Diazepam Zäpfchen und die Handynummer der Ärztin.
Odin ist heute deutlich munterer. Er ist sehr anhänglich und liebebedürftig. Er schläft immer noch viel, hat aber schon längere Phasen, wo er spielen will. Auf der Wiese nebenan hat er sich nicht davon abhalten lassen ca.2 Minuten mit einer Hündin zu spielen. Er frisst gut und genießt seine Leberwurstbrote (mit den Tabletten).
Wir sind mit dem Gefühl medizinisch und menschlich optimal betreut zu werden von der Ärztin weggefahren.
Nun hoffen wir, dass sich bald die Ursache für Odins krank sein findet und der Große wieder richtig gesund wird.
Wir werden alles dafür tun und immer für unseren Odin da sein.
Unser Großer hat ja auch nicht nur uns….die ganze Familie, sondern seine ganzen Kumpels und ihre Menschen, die sich täglich nach seinem Befinden erkundigen und ihm die Daumen drücken.
DANKE!!!
