Warum wollen immer mehr Menschen die Mauer zurück?
Berlin – Mauer-Tote, Stasi, Schießbefehl und Stacheldraht – alles schon vergessen? Die alarmierende Haltung vieler Berliner und Brandenburger zu Mauer und Wiedervereinigung stoßen bei Politikern und Geschichtsexperten auf Unverständnis!
Nach einer Studie der Freien Universität Berlin wünscht sich jeder neunte Berliner und Brandenburger die Mauer und damit die DDR zurück. Der Aussage „Es wäre besser, wenn die Mauer zwischen Ost und West noch stehen würde“ stimmten laut Umfrage 11 Prozent der Westberliner und 12 Prozent der Ostberliner zu. In Brandenburg liegt die Zustimmung sogar bei bis zu 14 Prozent.
Zum Vergleich: Vor vier Jahren vermissten sieben Prozent der Befragten in Ostberlin die Mauer. Immer mehr Ostdeutsche (bis zu 19 Prozent) fühlen sich knapp 20 Jahre nach dem Fall der Mauer als „Verlierer“ der Wiedervereinigung.
Prof. Arnulf Baring (76), Politikforscher und Buchautor
„Erschreckende Zahlen, die zeigen, wie die Erinnerung die Vergangenheit verklärt“, sagt der Politik- und Geschichtsexperte Prof. Arnulf Baring. „Viele haben offenbar verdrängt, wie das SED-Regime seine Bürger eingesperrt und schikaniert hat. Dieses nostalgische Geschwätz zeugt von einer Vergesslichkeit, die leider der Linkspartei in die Hände spielt.“
Walter Momper (63, SPD)
Walter Momper (SPD), 1989 Regierender Bürgermeister Berlins: „Manche ehemalige DDR-Bürger haben ganz persönlich tatsächlich Verluste erlitten, in Beruf oder Familie, das schlägt bei manchen in Verbitterung um. In ärmeren Regionen des Ostens fragen sich auch Jüngere: Was hat mir die Einheit gebracht? Diesen Menschen müssen wir wieder Perspektiven bieten. Das heißt vor allem: Arbeitsplätze.“
Friedbert Pflüger (53), CDU-Fraktionschef
Berlins CDU-Fraktionschef Friedbert Pflüger: „Die Gräben zwischen Ost und West sind durch Rot/Rot größer geworden. Lafontaine und Gysi spalten.“
Hubertus Knabe, wissenschaftlicher Direktor der Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen: „Zur DDR-Diktatur mangelt es in unseren Schulen an politischer Bildung. Die Teilung unseres Landes, die Angst vor der Stasi, der sehnliche Wunsch der Menschen, hinter Mauer und Stacheldraht zu blicken – alle das scheint bei manchen völlig vergessen. Bei den Verbrechen der Nazis hat die Aufklärung besser gewirkt. Hitlers Schreckensregime ist im kollektiven Bewusstsein der Deutschen gespeichert. Beim Unrechtsregime der DDR haben wir noch Nachholbedarf.“ (hjv, jm)