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Krise ? 35-45 J.? : LESEN !!

Der Mittag des Lebens



In der Mitte des Lebens ist uns ein maximales Potential zu Entwicklung der Persönlichkeit verfügbar. Sagen Psychologen. Dumm nur, dass diese Lebensphase eher als Krise denn als Chance angesehen wird.


Von Susanne Heliosch



Während der Kindheit, der Pubertät, der Lebensmitte und des Alters absolviert jeder Mensch Entwicklungsstufen und Lebenskrisen in Form von biologischen, psychischen und geistigen Umwälzungen. Ohne sie fände keine Reifung der Persönlichkeit statt. Auch bei der Lebensmittekrise, die grob umrissen zwischen dem 35. und 45. Lebensjahr einsetzt, handelt es sich um einen natürlichen Vorgang.

Die psychologische Forschung vergleicht neuerdings die mittleren Lebensjahre mit den Reifungsprozessen der Pubertät. In beiden Fällen gerät die alte Harmonie in Gefahr, der jeweilige Inhalt der Krise ist aber völlig unterschiedlich. Bei der Lebensmittekrise rückt der Übergang vom verbrachten zum noch verbleibenden Leben ist Blickfeld. Alte Mechanismen greifen nicht mehr, etwas Neues, das noch nicht bekannt ist, wird notwendig. Das kann Ängste hervorrufen.

Diese kritische Übergansphase ist quasi die Eintrittskarte für einen zweiten Lebensabschnitt. Doch zunächst sind mit Anfang vierzig Turbulenzen zu erwarten. In biologischer Hinsicht beginnt nun die Zeit der abnehmenden Lebenskraft. Diffuse oder konkrete Ängste sowie Depressionen, Reizbarkeit und Konzentrationsschwierigkeiten wurde beschrieben. Körperliche Symptome wie Rückenschmerzen, Migräne, Schlaflosigkeit, Verdauungsstörungen machen sich häufig zum ersten Mal bemerkbar. Für die Frau beginnt in diesen Jahren zudem die Phase der abnehmenden Fruchtbarkeit. Für den Mann hingegen ist es die Zeit gesteigerter sexueller Bedürfnisse.

Psychisch sind die Jahre der Lebensmittekrise gekennzeichnet durch Zweifel und Orientierungslosigkeit, geistig bedeuten sie einen Kampf mit der Leere: Man meint, den Boden unter den Füßen verloren zu haben. Die Frage taucht auf: Wie geht es weiter?

Die Krise in der Lebensmitte ist keine Erfindung der Neuzeit. Anfang des 20. Jahrhunderts erstellte der Psychologe Carl Gustav Jung als erster Analytiker die These, dass sich zwischen 35 und 40 eine wichtige Veränderung in der menschlichen Psyche ankündige. Er sprach vom „Mittag des Lebens“. Gut 60 Jahre später kam der Londoner Psychoanalytiker Elliott Jaques zum selben Ergebnis: Etwa mit 35 beginnt eine kritische Übergangsphase, die in unterschiedlichster Form auftritt. Jaques nannte dieses Stadium „Midlife-Crisis“ (Krise der Lebensmitte).

Unerlässlich ist dieser Vorgang bei allen Menschen. Individuell hingegen ist die Intensität der Wahrnehmung dieser Phase und die Dauer. Die Übergangsphase der mittleren Jahre kann psychisch ruhig verlaufen und zu einer inneren Reifung führen. Vor allen Dingen dann, wenn eine erfüllte Partnerschaft und ein akzeptables Berufsleben Bestand hatten. Wer im Großen und Ganzen sagen kann, ich habe erreicht, was ich mir vorgenommen habe, bei dem fällt diese Phase nicht so schwer ins Gewicht.

Eine große Unruhe kann andererseits denjenigen ergreifen, der sich sagen muss, ich habe dieses oder jenes noch nicht zu Wege gebracht. Die Gesellschaft macht uns vor, was zählt: Ein Haus bauen, ein Kind zeugen, einen Baum pflanzen. Das Erkennen von Mängeln kann je nach Temperament zu psychischen Einbrüchen oder zu Konflikten in Familie, Partnerschaft und Beruf führen. Dies gilt für Frauen wie für Männer.

Ein großes Thema der Vierzigerjahre ist der Abschied. Zunächst ist es der Abschied von unserem äußeren Bild. Es tauchen die ersten Falten, die ersten grauen Haare, der Bauchansatz auf. Das Alter wird zum Thema, manchmal in bestürzender Weise auch die Krankheit. Es geht um die Auseinandersetzung mit dem Abstieg. Die eigene Endlichkeit und das Sterben rücken ins Bewusstsein, ausgelöst beispielsweise durch Erlebnisse wie der Tod der Eltern, der von Freunden oder Bekannten.

Frauen scheinen mit der Midlife-Crisis anders umzugehen als Männer. Studien ergaben, dass sie in den mittleren Jahren neue Möglichkeiten entdecken. Wo die Krise ihren Abschluss findet, wo die anfänglichen Ängste überwunden werden, fühlen sich viele stärker. Was in letzter Konsequenz auch Auswirkungen auf eine unbefriedigenden Ehe haben kann: Zwei Drittel der Frauen, die eine Scheidung wollen, sind um die 40. Sie verlassen, wo sie früher verlassen wurden.

Dabei darf aber nicht verschwiegen werden, dass die Vierzigerjahre der Frau „gefährliche“ Jahre sind. 70 Prozent aller Suizide werden von lebensüberdrüssigen Frauen um die 40 begangen. Und in keinen Alter ist die Medikamentenabhängigkeit höher. Dem gegenüber zeigte sich bei einem Großteil der männlichen Probanden gleichen Alters eine gewissen Lustlosigkeit im Beruf. Es wächst auch die Angst vor den nachrückenden jüngeren Kollegen. Viele Männer projizieren die durch die Krise ausgelöste Frustration auf die Außenwelt, auf Kollegen, den Betrieb, die Ehefrau, Schwiegermutter oder Kinder.

Bei all dem ist es erfreulich zu erfahren, dass in der Mitte des Lebens ein maximales Potential zu Entwicklung der Persönlichkeit verfügbar wird. Manche Psychologen sehen die geistige Entwicklung des Menschen Anfang 40 gar an einem Scheideweg: Entweder nimmt sie mit den biologischen Funktionen ab, oder aber sie steigt zu neuen Bereichen empor. Bereiche, in denen schöpferische Energien neu geweckt werden, die einen zweiten Höhepunkt der Schaffenskraft freisetzen.

So sind Psychologen dazu übergegangen die Midlife-Crisis als Chance zur Veränderung zu begreifen. Nicht mehr von einer Lebensmittekrise ist die Rede, sondern von einer Lebensmittechance, angelehnt an die chinesische Sprache, in der es für Krise und Chance ein und dasselbe Schriftzeichen gibt. „Krise“ bedeutet: Entscheidende Wendung.
__________________
Gruß Kilo
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